Buchtitel

Titelfoto: Ein Mann steht uns gegenüber. Ende dreißig, weiße Haare, Basecap, grob kariertes Hemd und Brille mit dunklem Rand. In den Gläsern spiegeln sich grelle Neonröhren. Der Mann steht in einem Stall. Wir blicken in sein Gesicht, sehen seine gestikulierende Hand. Er ist in ein Gespräch vertieft; erklärt etwas seinem Gegenüber, den wir nur schemenhaft erkennen. Beide sind bis auf den Oberkörper von einer vor ihnen stehenden Kuh verdeckt. Eine auf den ersten Blick alltägliche Situation - nichts Besonderes im Arbeitsalltag. Doch der Eindruck trügt. Dieser selbstbewusste Mann ist Milchbauer, heißt Arild Röland und ist schwer sehbehindert. Nichts an seiner Erscheinung deutet auf diese Behinderung hin ... Arild ist eine der beiden Hauptpersonen in dem Projekt Andere Augen - ein Fotolesetasthörbuch von Gregor Strutz. Das Buch beschreibt das Leben zweier Freunde, die in Norwegen leben. Es richtet sich an sehende, sehbehinderte und blinde Leser.

Seite 4: Ein Meer aus großen Steinen und Geröll, von links abfallend, fast das ganze Bild ausfüllend. Kein Haufen, kein Steinchaos sondern die scheinbar geordnete Abbruchkante zertrümmerten Lavagesteins, zum Meer hin auslaufend. Hart, mit rissigen Kanten, bestehend aus großen Brocken und kleineren zu Geröll gebrochenen Steinen. Durch Wind und Wetter bearbeitet. Kein Grashalm ist zu sehen, nur gelbliche Moose und Flechten. Die Monotonie des grauen Gesteins vermittelt Rauheit, Fremde, Lebensfeindlichkeit. Wären da nicht in der Ferne einige weiße Häuser, eine schmale Straße vor einem erneuten Felsmassiv, das sich buckelig hinter ihnen in die Höhe schiebt. Vor den langgestreckten, einstöckigen Gebäuden eine schmale Kante grünen Grases, vielleicht eine Weide oder ein Fußballfeld. Leben in der Steinwüste.

Seite 20: Blick in Arilds Gesicht. Eine Nahaufnahme im Stall, spontan, unverstellt und ungeschützt. Ohne die sonst benutzte abgedunkelte Brille. Arilds Augen sind geöffnet, blicken direkt in die Kamera. Seine spöttischen Gesichtszüge klar erkennbar. Die Augen sind rot, ein heller Kranz von Wimpern legt sich schützend um sie. Trotzdem wirken sie verletzlich, während sich Lachfältchen um sie bilden. Er neigt den Kopf ein wenig, streckt das markantes Kinn nach vorn, hat den Mund leicht geöffnet. Ein Dreitagebart bedeckt seine Wangen. Die Sonne hat seine Haut ein wenig gerötet, es ist Sommer. Der Schirm des Basecapes wirft einen leichten Schatten auf die Augen.

Seite 42: Ganz nah an Arilds Gesicht. Er sitzt tief über ein Blatt Papier gebeugt und schreibt. Kopf und Nase nur wenige Zentimeter über Blatt und Kugelschreiber. Seine Hände berühren fast die Nasenflügel, während sie einen Kugelschreiber über das Papier führen. Licht bricht sich in den dicken Brillengläsern, durch die Arild blickt. Im Mittelpunkt des Bildes: Arilds kräftige Hände, an einer ein goldener Ehering.

Seite 50, Ortswechsel. Ein Bild über beide Seiten: Wir befinden uns mitten in der Stadt, an der einsamen Ecke einer Straßenkreuzung. Eine Bordsteinkante führt gradewegs auf uns zu - links die Fahrbahn in voller Breite, rechts der Bürgersteig. Über die Straße führt ein Zebrastreifen. Kreuzung und Straße sind menschenleer. Häuser und deren Eingänge erkennbar. ... Am rechten Bildrand, auf dem Bürgersteig und von hinten fotografiert: ein schwarzer Hund. Um seinen Bauch ist ein Geschirr geschnallt, das am Hals in einem weiten Ledergriff endet. Ein Mann hält sich unverkrampft an diesem Griff fest. Wir erkennen nur sein linkes Bein und einen Teil seines Körpers. Er trägt bequeme Trainingshosen und eine Windjacke. Es ist Terje Karlsrud, die andere Hauptperson des Buches zusammen mit seiner Hündin Happy auf dem Heimweg.

Seite 72: Eine Doppelseite mit Blick in Terjes Wohnzimmer. Es wirkt geräumig, alles hat seinen Platz und seine Ordnung. Zur Linken sitzt Terje in einem großen gepolstertem, dunkelbraunen Ledersessel mit hoher Lehne. Davor der gedeckte Kaffeetisch. Terje trägt ein helles, kariertes Sommerhemd mit kurzem Arm. Er beugt sich seitlich über die Sessellehne und krault den neben dem Sessel in der Raummitte liegenden schwarzen Hund Happy. Terje ist entspannt. Er lächelt und freut sich, seinem treuen Begleiter gut zu tun. In der rechten Bildhälfte sind halbhohe Bauernkommoden aus Kiefernholz und auf ihnen allerlei Zierrat erkennbar. Der helle Dielenfußboden ist blitze-blank. Sonntag-Nachmittagsstimmung am Kaffee-Tisch.

Seite 78: Es folgen ein letztes Mal zwei Fotografien, die sich gegenüber stehen. Links ein Blindenschriftbuch in Nahaufnahme: Norges Blinde ist in großen schwarzen Buchstaben auf dem Kopf zu lesen. Die Seiten ragen von oben in das Bild hinein. Eigentlicher Blickfang sind jedoch die geprägten Buchstaben der Blindenschrift. Tageslicht fällt seitlich auf das Papier, so dass sie lange Schatten werfen. Die Auswölbungen des Blindendruckes wirken sehr plastisch - sie hinterlassen einen sehr ästhetischen Eindruck, der an einen Geheimcode erinnert. Ein Zeigefinger ist bereit, die oberste Seite umzublättern. Auf dem rechten Bild ein Blick seitlich zwischen zwei Seiten eines Buches. Zwischen ihnen, im Schatten verborgen, Terjes Hand, die sich lesend durch den Blätterwald tastet. Die Erhebungen und Vertiefungen der Blindenschrift, die die Finger schon erfühlt haben, sehen aus wie der Grundriss einer Stadt, Vereinzeltes und kleine Siedlungen.

Marke Inklusion

Marke Inklusion in Deutschland: 5 Hände in den Farben Rot, Grün, Blau, Lila und Orange bilden einen Kreis. Darauf ist die Beschriftung Inklusion für Deutschland aufgebracht.